Buch

Organisiertes Misstrauen und ausdifferenzierte Kontrolle. Zur Soziologie der Polizei von Martin Weißmann.

Obwohl die Polizei als Exekutivorgan staatlichen Handelns im zivilen Alltag und Bewusstsein eine sehr sichtbare Organisation ist, wissen die wenigsten Bürger:innen etwas über ihre Struktur, internen Verhältnisse und Schwierigkeiten. Dies liegt nicht unwesentlich an dem Umstand, dass Bürger:innen eher den Kontakt mit Angehörigen der Polizei meiden, weil dieser häufig mit Ärger und Problemen assoziiert wird. Gemeinhin nehmen sie erst dann Verbindung mit ihnen auf, wenn sie Konflikte miteinander haben. Zumindest eine Konfliktpartei verspricht sich dann vom Anrufen der Polizei die Durchsetzung des eigenen Rechts oder Schutz vor der Gegenseite.

Wer trotz dieser Reserviertheit mehr über die Organisation wissen möchte, dem sei die Dissertation von Martin Weißmann „Organisiertes Misstrauen und ausdifferenzierte Kontrolle“ empfohlen. Weißmann untersucht die Polizei als spezifisches Sozialsystem, dessen zentrales Merkmal Misstrauen ist. Die Studie ist organisationssoziologisch angelegt und stützt sich auf Luhmanns Systemtheorie. Obwohl das Buch eher für ein sozialwissenschaftlich kundiges und interessiertes Publikum geschrieben worden ist, bietet es auch Leser:innen, ohne vertiefte Kenntnisse der Systemtheorie, instruktive Einsichten zur Polizei.

Breiten Raum nimmt in der Studie das Thema polizeiliches Fehlverhalten ein.  Darunter fallen Dienstpflichtverletzungen wie unverhältnismäßige Gewaltanwendungen, Diskriminierungen von Bürger:innen und Straftaten, wie Beleidigungen. Auch wenn bekannt wird, dass sich Polizist:innen in rassistischen und rechtsextremen Chatgruppen miteinander austauschen, wird dies häufig als Fehlverhalten eingestuft. Bezogen auf den polizeilichen Alltag ist in diesem Zusammenhang die Feststellung des Autors bedeutsam, „dass Rechtsfehler ein unvermeidbarer Teil von Polizeiarbeit sind und das Ideal rechtsfehlerfreier Polizeiarbeit deshalb nur als Ideal sinnvoll, aber unerreichbar ist.“ (375) Auf Polizist:innen liegt deshalb ein großer Druck ihre Kolleg:innen zu kontrollieren und auch Fehlverhalten anzuzeigen. Überzeugend arbeitet Weißmann heraus, dass das aber nicht zur Aufarbeitung von Fehlverhalten führt, sondern, weil alle Polizist:innen Fehler machen, dies die Tendenz zur Herausbildung einer informal-kollegialen „‘Versicherungsgemeinschaft‘“ (dito) fördert. Fehlverhalten wird also kollektiv beschweigen. Eine Intensivierung externen und internen formalen Kontrollen bietet hier keinen Ausweg. Mehr verspricht sich der Autor des staatlichen Eingeständnisses, dass Polizist:innen Fehler gegenüber den Bürger:innen machen, ohne dass zwingend das Strafrecht die handelnden Polizist:innen trifft. Nicht die strikte Anwendung des Dienst- und Strafrechts erhöht die Chancen, polizeiliches Fehlverhalten abzustellen, sondern, so schlägt er unter anderen vor, eine heterogenere Zusammensetzung von Polizeieinheiten, um dadurch die Gemeinschaftsbildung zu erschweren sowie institutionalisierte Möglichkeiten des Whistleblowings, um die Furcht vor informalen Sanktionen zu senken und damit die Bereitschaft zu erhöhen, Fehlverhalten aufzudecken.

Weißmann, Martin (2022): Misstrauen und ausdifferenzierte Kontrolle. Zur Soziologie der Polizei. Springer VS. Wiesbaden

 

 

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