Moderne Gesellschaften, kapitalistische erst recht, befinden sich stets im Krisenmodus. Sofern sich die Gesellschaft nicht in einer Krise befindet, überwindet sie gerade eine oder es bahnt sich eine andere Störung der sozialen Ordnung und ihrer Funktionsbereiche an. Aus dieser Perspektive betrachtet, sind Krisen der Normalzustand einer (kapitalistischen) Gesellschaft. Wenn allerdings Sighard Neckel von einer Katastrophenzeit schreibt, will er zu bedenken geben, dass es zahlreiche und belastbare Anzeichen dafür gibt, dass der Klimawandel mit dem Begriff Krise unzureichend qualifiziert wird. Wenn weiterhin ungebremst fossile Rohstoffe verbrannt werden, wird dies nicht nur eine weitere Krise auslösen, an deren Ende eine neue soziale Ordnung steht, sondern eine Vielzahl von Katastrophen, die in summa die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit unumkehrbar zerstören werden.
Diese mögliche Entwicklung ist aufhaltbar. Doch die vergangenen Jahre und Jahrzehnte zeugen davon, dass alle Bemühungen, Energie ohne fossile Brennstoffe zu gewinnen, bislang unzureichend waren. Mehr noch: mit dem Amtsantritt der 2. Trump-Regierung in den USA wurde die Hoffnung auf eine ökologische Modernisierung, die entschieden auf eine Reduktion der CO2-Emissionen hinwirkt, weitgehend illusorisch. Auch in der EU, inklusive Deutschland unter der amtierenden Bundesregierung, werden bereits beschlossene Maßnahmen zum Umsteuern eher abgeschwächt als forciert. Dies ist fatal, weil davon ausgegangen werden muss, dass durch die unentwegte Freisetzung von CO2 in die Atmosphäre Kipppunkte erreicht werden, die klimatische Katastrophen unabwendbar machen.
Wer an dieser Stelle das Buch gar nicht aufschlagen möchte, weil er oder sie sich diese schlechte Nachricht nicht im Detail antun möchte, dem sei mitgeteilt, dass das Buch selber keine Katastrophenszenarien ausschmückt. Es untersucht vor allem die Frage, welche sozialen Widerständen bislang die notwendige Transformation aufhalten konnten und wendet sich anschließend der Frage zu, wie diese sozialen Widerstände in demokratischen Gesellschaften überwunden werden könnten.
Kein Zweifel lässt Neckel daran, dass verändertes individuelles Konsumverhalten keinen entscheidenden Beitrag zur Verringerung des CO2-Ausstoßes beitragen wird. Vielmehr bedarf es umfassender, vom Staat initiierter Eingriffe in die Infrastruktur, um ein Wirtschaften zu ermöglichen, das den ökologischen Erfordernissen gerecht wird. Diese Infrastruktur muss vor allem die Interessen und Bedürfnisse der Ärmsten der Gesellschaft berücksichtigen.
So bedrohlich letztlich für alle Menschen die Katastrophen des Klimawandels sein werden, die Ärmsten werden als Erste die Folgen zu spüren bekommen. Reiche Menschen werden sich in Refugien noch lange Zeit zurückziehen können, während diejenigen, die über wenige Ressourcen verfügen, sich der Hitze und den Wassermassen ausgesetzt sehen. Den Klimawandel kann man leugnen, seine Folgen nicht. Autoritäre Kontrollregime, die das Desaster managen wollen, werden versuchen die Gefährdungslagen sozial ungleich zu verteilen. Sie werden dafür plädieren Klimaflüchtlinge den Zugang zur jeweiligen Gesellschaft zu verwehren und die Enklaven der Reichen schützen.
Neckel, Sighard (2026): Katastrophenzeit. Die Gesellschaft im Klimawandel und die Fallstricke der Transformation. München. C.H. Beck
